Von nichts als Bergen umgeben, feierten jüngst zahlreiche Mitglieder der Pforzheimer Alpenvereinssektion. Und auch für die "Pforzheimer Zeitung" war es höchste Zeit für einen Besuch auf 2308 Metern – und ein Abenteuer.
Idee, Text und Gestaltung: Nils Gundel Fotos: Nils Gundel, Sven Bernhagen, Eva Bernhagen, Sven Hämmerle und Thomas Thomsen Videos: Nils Gundel
Die letzten Höhenmeter bis zur Hütte. Foto: Gundel
Die Natur auf rund 2500 Metern wirkt ganz anders als im Tal. Foto: Gundel
Seit 100 Jahren steht sie da, die Neue Pforzheimer Hütte im Gleirschtal in den Stubaier Alpen. Wer von St. Sigmund im Sellrain zur Hütte aufsteigt, der lernt einiges über die alpine Natur. Unten im Tal – auf rund 1600 Metern gelegen – stehen die Tannen dicht, die Wiesen sind grün.
Nach einigen Kilometern ändert sich dann das Bild. Die Wiesen wirken karger, die Berghänge brauner – und immer öfter begegnet man blankem grauen Fels. Die Baumgrenze hat man schon lange hinter sich gelassen – und in der Ferne pfeift ein Murmeltier. Nach rund fünf Kilometern wirft man den ersten Blick auf das Ziel, aber ganz da ist man noch nicht. Von der Station der Materialseilbahn aus muss man noch einmal rund 150 Höhenmeter zur Hütte bewältigen.
Die Ebene unterhalb der Hütte ist aufgrund der zusammenfließenden Gebirgsbäche teils moorig, es gibt sogar Frösche. Gräser, Flechten und vereinzelte Blumen sind zu sehen, während man sich den Hang hinaufschlängelt. Oben noch über eine kleine Bachbrücke, dann ist man da: Auf 2308 Höhenmeter steht die Pforzheimer Hütte, betreut von der Pforzheimer Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV), ihres Zeichens mit rund 4500 Mitgliedern der größte Verein der Goldstadt.
Nora Rosche (links) und Sarah Doleski, die Wirtinnen der Pforzheimer Hütte. Foto: Gundel
Aber wie ist es eigentlich, eine Hütte zu leiten? „Das ist keine normale Hotelerie oder Gastronomie“, sagt Nora Rosche. Sie und Sarah Doleski (36) leiten die Hütte seit 2022. Doleski, mit der die 53-Jährige schon lange befreundet ist, konnte sich damals vorstellen, ihre Arbeit als Sozialarbeiterin mit dem Hüttenleben zu tauschen. Und so gründeten die beiden die „Bergdamen oG“.
Zwei Saisons gibt es im Jahr: Ab Mitte Februar bis Ende April kommen vor allem die Skitouren- und Schneeschuhgeher, von Mitte Juni bis Ende September dann die Bergsteiger und Kletterer. Mit der Vor- und Nachbereitung verbringen die beiden rund acht Monate des Jahres auf der Hütte. „Wir leben auf einer kleinen autarken Insel“, sagen die beiden, die meist fünf oder sechs Saisonangestellte beschäftigen. Wobei deren Gewinnung jährlich eine Herausforderung sei: Derzeit etwa arbeiten zwei Nepalesen und mehrere Studenten auf der Hütte.
Welche Saison mehr Spaß macht? „Die Sommersaison“, findet Doleski. Da kämen täglich Dutzende neue Menschen durch. Im Winter blieben die Gäste meist länger, da habe man weniger Abwechslung. Was deutlich wird: Es ist gerade der Kontakt zu den Gästen, der den beiden viel Spaß macht. „Manche Gruppen kommen immer wieder“, so Rosche. „Da werden Gäste dann zu Freunden.“
Die Batterien der Hütte werden aus verschiedenen Quellen gespeist. Fotos: Gundel
Hier wird Warmwasser gespeichert.
Die Drei-Stufen-Kläranlage wurde vor einigen Jahren eingerichtet.
Der Vorratskeller der Hütte.
Eine breite Getränke- und Essensauswahl, Strom und warmes Wasser für eine kurze Dusche gehören im Gleirschtal inzwischen dazu. Die Sektion hat über die vergangenen beiden Jahrzehnte hinweg viel investiert. Davor habe viel alte Technik im Haus gesteckt, so Bruno Kohl, einer der beiden Hüttenwarte.
Das Blockheizkraftwerk läuft inzwischen mit Pflanzenöl statt Diesel, es erzeugt Wärme für den Pufferspeicher und Strom für die großen Akkus. Wasserturbine und Solaranlagen sorgen ebenfalls für Strom. Es wurde eine neue Drei-Stufen-Kläranlage eingerichtet, die Wasserversorgung aus einem benachbarten Bach neu aufgestellt und Strom- wie Wasserleitungen im Haus neu verlegt.
In einem so großen Verein habe man dafür aber auch oft Fachleute als Mitglieder an der Hand, so Kohl. Darüber hinaus gibt es Förderungen, etwa durch den DAV-Hauptverein oder das Land Tirol.
Videos: Nils Gundel
Die Energieversorgung.
Hier wird warmes Wasser gespeichert.
Auch der Keller erzählt die Geschichte der Pforzheimer Hütte.
Die Materialseilbahn ist neben dem Hubschrauber zentral für die Versorgung der Hütte. Video: Gundel
Auch die Logistik einer Hütte ist herausfordernd. Im Winter erfolgt die gesamte Versorgung der Hütte per Hubschrauber. Im Sommer werden einmal in der Woche durch ein auf Hütten spezialisiertes Unternehmen Lebensmittel zur Materialseilbahn geliefert. Die kann zwischen 200 und 250 Kilo die letzten 150 Höhenmeter hinauftransportieren. Die anspruchsvolle Lieferung schlage sich natürlich in den Kosten nieder:
Die Ware ist 20 bis 30 Prozent teurer, als wenn wir zur nächsten Metro fahren könnten.
Nora Rosche
Die daraus resultierenden Preise auf der Hütte sehe aber nicht jeder Gast ein: Diese wollten ein Angebot wie im Talhotel, aber zu Preisen wie in der einfachen Dorfschenke. Das gehe natürlich nicht zusammen.
Was man in den Gesprächen mit Rosche, Doleski, Kohl, aber auch dem Sektionsvorsitzendem Alexander Uhlig merkt: Man schätzt sich gegenseitig. Der Umgang miteinander wird als fair und unkompliziert beschrieben. Und: Alle hängen sie an der Pforzheimer Hütte. Auch wenn die Bergdamen sich im Winter gerne mal ein paar Monate Pause von den Alpen nehmen: Dieses Jahr soll es nach Sizilien gehen.
Nach so manchen Terminen kann man als Journalist eine ganze Reihe von Dingen auf seiner Liste abstreichen, von denen man vorab gar nicht wusste, dass sie da überhaupt stehen. So auch nach einem Wochenende auf der Pforzheimer Hütte: Den ersten 3000er bestiegen? Check. Durch schroffes Gelände klettern, während unter einem nichts als die Luft über einer Schutthalde ist? Check.
Mein Kollege Sven Bernhagen ist seit Jahrzehnten begeisterter Bergsteiger und Kletterer und hatte – ganz in zivil und als Vorstandsmitglied der Pforzheimer Alpenvereinssektion – ein schönes und auch herausforderndes Programm rund um die Jubiläumsfeierlichkeiten geplant. Mit meinem ersten 3000er sollte ich am Sonntag wieder nach Pforzheim zurückfahren – mindestens.
Rundumblick beim Gleirschjöchl. Video: Gundel
Los ging es nach dem Frühstück von der Pforzheimer Hütte (2308 Meter) die rund 450 Höhenmeter zum Gleirschjöchl hinauf. Die Gruppe besteht – und weil wir am Berg sind, bleibt es bei den Vornamen – aus Andrea, Harry, Martin, Thomas, Eva, Sven, Appenzellerdame Diddy und mir als einzigem Nicht-Bergerfahrenen.
Als der Gleirscher Rosskogel auf 2994 Metern Höhe nach rund zweieinhalb Stunden erreicht wird, ist Martin bereits wegen Fußproblemen wieder umgekehrt. Auch das gehört dazu: Zu wissen, wann genug ist und es nicht mehr weitergeht.
Blauer Himmel am Morgen: Bestes Wanderwetter. Foto: S. Bernhagen
Der Blick vom Gleirschjöchl ins benachbarte Tal. Foto: S. Bernhagen
Erste Zwischenstation: der Gleirscher Roßkogel. Foto: S. Bernhagen
Das Gipfelkreuz wechselt laut Ortskundigen immer wieder mal wieder die Position. Foto: S. Bernhagen
Ohne Sicherung will es der Redakteur (rechts) nicht wagen; gut das Sven alles genau geplant hat. Foto: Thomas Thomsen
Hier, am Einstieg in die "Via Mandani", teilt sich die Gruppe. Eva, Andrea, Harry und Diddy ziehen los, während Sven und ich einen Klettergurt anlegen, Thomas bleibt ebenfalls bei uns. Vor uns liegt zerklüftetes Gelände, man braucht Hände und Füße, muss klettern. Unter einem geht es steil bergab – und das Dutzende Meter tief. Und auch die dünnere Höhenluft merkt man. Der Rest der Gruppe kennt sich da aus, ist bereits seit langem in solchem Terrain unterwegs – ich war es noch nie.
Den nächsten Zacken fest im Blick. Foto: S. Bernhagen
Stilvoll am Berg. Foto: S. Bernhagen
Bei aller Konzentration: Man hat definitiv seinen Spaß. Foto: S. Bernhagen
Jeder Schritt und jeder Handgriff wollen passen. Foto: S. Bernhagen
Die Trittstifte sind eine Hilfe, aber man muss dennoch Halt im Fels finden. Foto: S. Bernhagen
Darum sichert mich Sven mit einem Seil: Damit ein falsch gesetzter Fuß oder ein lockerer Stein nicht gleich mein frühzeitiges Ableben bedeutet. Gedanken mache ich mir darüber keine, bringt ja nichts. Außerdem benötige ich für die nächsten Stunden meine gesamte Konzentration dafür, stabilen Stand und gute Griffmöglichkeiten zu finden. Thomas, ebenfalls im Vorstand des Pforzheimer Alpenvereins, klettert voraus, leitet mich an: „Nimm den rechten Fuß da hin“, „Vorsicht, der Stein ist locker“ und „Kannst du dein Bein noch ein bisschen strecken, dann ... Ja, genau da“. Immer wieder schwärmen die beiden vom Blick über die Berge, für den ich spätestens nach 20 Minuten keinen Nerv mehr habe.
Das Gute an der „Via Mandani“: Das eigentliche Ziel, den Zwieselbacher Rosskogel samt Gipfelkreuz, sehe ich erst kurz vor Schluss. So konzentriert ich mich auf die nächste Senke und den nächsten Zacken. Wie weit es noch ist? Was kommt noch alles auf mich zu? Keine Ahnung, es ist auch nicht relevant.
Pausen brauche ich einige: Die Konzentration, die ungewohnte Höhenluft, das Gelände, die Kletterei – alles fordert seinen Tribut. Aber wir kommen voran, wenn auch langsam. Eine 30 Meter hohe Felsplatte geht es über Trittstifte hinauf.
Der letzte Aufstieg bis zum Gipfel: Thomas macht den Anfang. Foto: Eva Bernhagen
Kurz darauf folgt Sven. Foto: Eva Bernhagen
Den Abschluss macht der Redakteur ... Foto: Eva Bernhagen
... der danach erstmal platt ist. Foto: Eva Bernhagen
Und irgendwann steht man dann auf der letzten Zacke, sieht das Gipfelkreuz des Zwieselbacher Rosskogels. Einmal geht es noch hinunter, einmal kämpft man sich wieder aus einer Senke. Am Ende einer letzten steilen Passage wuchte ich mich auf 3081 Metern über die Kante.
Für die Glückwünsche bin ich erstmal zu platt, ich liege einfach nur da.
Ein paar Minuten später kann ich den Ausblick dann doch genießen, Bilder am Gipfelkreuz werden gemacht, Eva schreibt den Eintrag ins Gipfelbuch. Die Faszination für das Bergsteigen und auch das Klettern wird für mich greifbar: Man hat etwas geschafft (in meinem Fall ist man auch geschafft), um diesen Moment zu erreichen – und gerade bei blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein entschädigt der für alles.
Nun könnte man meinen: Gipfelkreuz erreicht, Abenteuer geglückt, Ende der Geschichte. Aber beim Bergsteigen gilt eben: Der Weg hoch ist nur die halbe Strecke, man muss auch wieder runter. Und so geht es knapp 800 Höhenmeter hinab, über viel Schutt und Blockwerk.
Ich gehe gerne wandern, auch mal quer durch den Wald. Auf den dortigen Untergründen weiß ich mich zu bewegen, wohin ich meine Füße zu setzen habe, da muss ich nicht groß nachdenken. Hier, in den alpinen Geröllfeldern, fehlt mir dieses Gefühl. Jeder Schritt will genau gesetzt werden, weil Steine oft locker sind – und der Abstieg zieht sich wie Kaugummi.
Rund acht Stunden nach dem Abmarsch komme ich an der Hütte durchs Tor. Der Kopf ist ziemlich leer, die Beine brennen. Unter großem Hallo vom Rest der Gruppe und einigen anderen Anwesenden der Pforzheimer Sektion lasse ich mich auf eine Bank auf der Terrasse fallen. „Ich wäre jetzt rot geworden, der Nils wird weiß“, meint Andrea und grinst.
Dem Ziel so nah. Foto: S. Bernhagen
Vorbei an einem Glerschersee. Foto: Gundel
Es geht steil bergab. Foto: Gundel
Während sich die anderen über ihren Strudel hermachen, nippe ich an meiner Spezi. Hunger habe ich keinen, der kommt erst am Montag wieder. Was ich in diesem Moment neben Erschöpfung noch empfunden habe? Glück, Stolz, Zufriedenheit, Erleichterung? Ich weiß es nicht, ich war „brotfertig“.
Du hast das wirklich gut gemacht.
Thomas und Sven, ohne die dieses Abeneuer nie geglückt wäre, später zum Redakteur.
Ob ich das noch einmal machen würde, jetzt, da ich weiß, was auf mich zukommt, will Sven wissen. Mit dieser Gruppe sicherlich – aber nicht heute und auch morgen nicht gleich. Und vielleicht suche ich mir zum Bergsteigen erstmal tieferliegendes Terrain – und weniger steiniges.
Warum gibt es eigentlich die Neue Pforzheimer Hütte, warum zieht es Menschen in die Berge und wie feiert man ein altes, charmantes Gemäuer?
Vorne die Alte Pforzheimer Hütte, hinten die Sesvennahütte in Südtirol. Foto: Sven Hämmerle
Es war ein besonderer Ort, zu dem am 27. August eine siebenköpfige Gruppe um Alexander Uhlig, Vorsitzender der Alpenvereinssektion Pforzheim, von Schlinig in Südtirol aufstieg. Ziel war die Sesvennahütte – und die benachbarte Alte Pforzheimer Hütte. Die wurde 1901 – vor 125 Jahren – eröffnet, stand nach dem Ersten Weltkrieg aber nicht mehr auf österreichischem, sondern auf italienischem Territorium. Die Pforzheimer Sektion wurde enteignet, die Hütte verfiel über die Jahrzehnte hinweg. Dies war überhaupt der Auslöser für den Neubau im Gleirschtal 1926.
Wofür die alte Hütte inzwischen genutzt wird, davon konnte sich die Gruppe ein eigenes Bild machen. Gut hergerichtet sei sie, so Uhlig. Die Hütte wird inzwischen als Selbstversorgerhütte für Jugendliche genutzt.
Für die Pforzheimer ging es von dort aus weiter auf eine 150 Kilometer lange Jubiläumstour von Südtirol durchs Ötztal bis ins Gleirschtal, wo man am 4. September eintraf.
Die eigentlichen Jubiläumsfeierlichkeiten der Pforzheimer Sektion fanden dann am 5. September statt. Dabei betonte Uhlig den Gedanken hinter sämtlichen Alpenvereinshütten und Schutzräumen: „Sie bieten Schutz und Geborgenheit.“ Jeder habe sich schon mal auf das schützende Dach gefreut. Und mit Blick auf das Hüttenpersonal sagt er:
Es ist Gastfreundschaft, die einem da entgegenschlägt.
Alexander Uhlig
Die Pforzheimer Sektionsvorstände Bruno Kohl und Thomas Thomsen, Abt Leopold Baumberger, der Sektionsvorsitzende Alexander Uhlig sowie Ernst Schick vom DAV-Präsidium (von links) beim Festakt in der Pforzheimer Hütte. Foto: Gundel
Am späten Vormittag predigte Leopold Baumberger, Abt des Stiftes Wilten in Innsbruck und selbst begeisterter Bergsteiger. Nicht nur „klassische Hüttengäste“ waren dabei, sondern auch die Familien von der Gleirschalm. Baumberger widmete sich der Frage, warum man überhaupt bergsteigen gehe. Viele Menschen würden heute in Ballungsräumen mit solchem Getreibe leben, dass es vielleicht allein schon der Gedanke an einen Ort ist, an dem es still ist: „Sich in die Berge zurückzuziehen hat den Effekt, sich aus dem Getreibe zurückzuziehen.“ Und:
Wir Menschen denken im Alltag alles machen zu können, aber in den Bergen merkt man, wie klein man eigentlich ist.
Leopold Baumberger
100 Jahre Pforzheimer Hütte seien auch ein wunderbares Zeichen für Beständigkeit „in unserer schnelllebigen Zeit“.
Am Abend wurde dann noch einmal ordentlich aufgedreht: Drei junge Musiker aus dem Tal heizten im Gastraum nach einem deftigen Festessen ein. Bis weit in den Morgen hinein wurde in und vor der Hütte gefeiert – und manch Gast verpasste am Sonntag beinahe das Frühstück.